Tipp #5: Hauptfiguren sind wie Kinder

Hauptfiguren sind wie Kinder

Ah, jetzt kommen wir zu einem meiner Lieblingsthemen: Figuren erschaffen! ­čśÇ Das liebe ich am meisten an der ganzen Schreiberei. Das ist auch der Grund, warum ich ├╝berhaupt mit dem Schreiben angefangen habe.
Es gibt nat├╝rlich eine Menge Wissenschaft ├╝ber das Erschaffen von Figuren. Damit eine Geschichte ├╝berhaupt funktionieren kann, braucht es ein Zusammenspiel von unterschiedlichen Charakteren, die alle ihre eigene Stimme in der Geschichte haben. ┬áProtagonisten, Antagonisten, Besch├╝tzer, Mentoren, Feinde, Kritiker und so weiter. Dazu komme ich dann in einem anderen Tutorial. Hier soll es jetzt erst mal um Deine Hauptfigur gehen, um die sich ja die ganze Geschichte dreht. Ich erz├Ąhle Dir aus meinen pers├Ânlichen Erlebnissen, wie ich meine Hauptfiguren erfunden habe oder wie sie sogar selber zu mir gekommen sind.
Wenn Du die Herzen Deiner Leser gewinnen m├Âchtest, dann muss die Hauptfigur jemand sein, von der sich die Leser verstanden f├╝hlen. ┬áIch w├╝rde sogar behaupten, dass eine gute Geschichte vor allem von ihren Figuren lebt. Die beste Handlung hinterl├Ąsst nicht halb so viel Eindruck, wenn keine Sympathie f├╝r die Hauptfigur aufkommt. Wenn ich ein Buch lese und nicht mit der Figur mitleiden, mitfiebern ┬áund sie ins Herz schliessen kann, und wenn sie mir nicht aus den Seiten springt und sich in mein Alltagsleben einschleicht, dann lege ich ein Buch bald zur Seite. Das h├Ârt sich vielleicht krass an, aber Du verstehst, was ich meine ­čÖé
Du fragst Dich nun: Wie erschaffe ich denn solche Buchfiguren?
Ich behaupte: Wenn Du wirklich Buchfiguren erschaffen willst, die die Herzen Deiner Leser erobern, dann musst Du Dich zuerst selber in sie verlieben. Das mag jetzt etwas kitschig klingen, aber nur, wenn Du selber f├╝r etwas oder jemanden ┬źbrennst┬╗, kannst Du voller Leidenschaft davon erz├Ąhlen.
Vielleicht inspirieren Dich meine pers├Ânlichen Erlebnisse, die ich mit Maya, Domenico, Lisa und Momo hatte.
Fangen wir mit Maya und Lisa an. Maya ist die Hauptstimme in ┬źMaya und Domenico┬╗, w├Ąhrend Lisa die in ┬źTime Travel Girl┬╗ ist – das Zeitreisem├Ądchen eben. Beide, Maya und Lisa, sind sehr unterschiedlich, ┬áund doch haben sie etwas gemeinsam: Die Suche nach wahrer Liebe und nach ihrem Platz im Leben. Und da ich es am Einfachsten finde, ├╝ber etwas zu schreiben, das mir selber nahe steht, bekamen sowohl Maya wie auch Lisa eine ordentliche Portion von mir selbst ab. Maya spiegelt meine Sch├╝chternheit und Sensibilit├Ąt wieder, die besonders in den Teenagerjahren stark an mir haftete. Sie ist nah am Wasser gebaut, wie ich auch, und sie kann sich nicht so richtig gegen Gleichaltrige durchsetzen. Das konnte ich auch nicht.
Allerdings gab ich Maya nicht alles von mir ab, den anderen Teil von mir sparte ich n├Ąmlich f├╝r Lisa auf. ┬áSie bekam die jungenhafte, weniger brave Seite von mir. Die Seite, die sich f├╝r Computertechnik interessiert, ihr Zimmer nicht aufr├Ąumt, Skateboard f├Ąhrt und oft mit Jungs besser zurechtkommt als mit M├Ądels. Allerdings muss ich zugeben, dass sie einiges mutiger ist als ich. Sie tut und spricht Dinge aus, die ich oft nur denke und von denen ich mir w├╝nschte, ich h├Ątte den Mut, sie zu tun.┬á Deswegen macht es umso mehr Spass, einem Buchcharakter Eigenschaften zu verleihen, ├╝ber die man selber gern verf├╝gen w├╝rde.
Beide, Maya und Lisa, sind ├╝brigens in meiner Jugendzeit entstanden. Ich hatte die Schubladen voll mit verschiedenen Geschichten, und dort drin schlummern noch andere Figuren vor sich hin, die noch gar niemand kennt ­čÖé
Kommen wir noch zu den m├Ąnnlichen Protagonisten. Der Titel ┬źMaya und Domenico┬╗ macht ja deutlich, dass es sich um zwei Hauptfiguren handelt. Da w├Ąre also Domenico, und seine Entstehungsgeschichte hat ungef├Ąhr zwanzig Jahre gedauert. Er war sogar noch vor Maya da, und er ist eigentlich aus zwei Zeichentrickfiguren entstanden (welche, bleibt mein Geheimnis). Aus dieser Mixtur ergab sich ein geheimnisvoller Junge, der sich f├╝r die Schw├Ącheren einsetzte, jedoch selber ein dunkles Geheimnis hortete. Sp├Ąter bekam der Junge seinen Namen, Domenico (der Namensgebung werde ich auch ein Extra-Kapitel widmen, darauf freue ich mich schon!). Sein Aussehen wurde gepr├Ągt durch meinen Lieblingss├Ąnger (wer in den Achtzigerjahren Teenager gewesen ist, mag erraten, wer das war), und sein Charakter formte sich durch verschiedene Menschen, die mir im Laufe der Zeit begegnet sind. Der Platz w├╝rde hier nicht reichen, um auf all diese Details einzugehen, doch ich glaube, ich habe keine Figur, die eine so eine lange und intensive Entstehenungsgeschichte hatte wie Domenico.
Und dann gibt es noch Momo (richtig Morgan). Er ist ebenfalls einer der Hauptcharaktere in ┬źTime Travel Girl┬╗, und seine Entstehungsgeschichte ist das krasse Gegenteil von Domenico. Was sich bei Domenico ├╝ber Jahre hinwegzog, kam bei Momo innerhalb weniger Wochen. Ehrlich gesagt hatte ich am Anfang noch nicht einmal so eine grosse Rolle f├╝r ihn vorgesehen. Aber als ich die Figuren meiner neuen Buchserie zu zeichnen begann (das mache ich manchmal, weil es mir hilft, sie dann deutlicher vor mir zu sehen), sah ich Momo an und bekam auf einmal Mitleid mit ihm, weil er irgendwie verloren wirkte. Und w├Ąhrend des Schreibens begann er mir auf einmal aus den Seiten zu springen und guckte mich mit seinen schokoladebraunen Augen an, und ich hatte nicht einmal die Erlaubnis, mir einen Namen f├╝r ihn auszudenken, weil er einfach Morgan hiess. Da gab es keine Diskussionen mehr. Er war also eine Figur, die ich nicht gesucht habe, sondern die einfach zu mir gekommen ist.
Wie Du siehst, k├Ânnen Figuren auf ganz unterschiedliche Art und Weise das Licht der Welt erblicken. Wenn Du eine Geschichte schreiben willst, sind sie quasi Deine Kinder. Behandle sie daher gut, liebe sie und hab Freude an ihnen – denn dann fangen sie bald an, Dir aus den Seiten zu springen ­čśÇ
Letzte Änderung: 6. Mai 2017